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Meer der Seelen – Wer sagt eigentlich, dass du das nicht darfst?

Meer der Seelen – Wer sagt eigentlich, dass du das nicht darfst?

Es gibt Sätze, die begleiten uns manchmal ein halbes Leben lang.

„Das macht man nicht.“

„Dafür bist du zu alt.“

„Sei doch zufrieden mit dem, was du hast.“

„Was sollen denn die anderen denken?“

Das Merkwürdige daran: Irgendwann brauchen wir niemanden mehr, der uns diese Sätze sagt. Wir haben sie längst selbst übernommen.

Vor vielen Jahren kam eine Frau zu mir zur Beratung. Damals wohnte ich im dritten Stock, ohne Fahrstuhl und mit einer Treppe, bei der man oben erst einmal durchschnaufen durfte.

Als sie bei mir ankam, war sie völlig außer Atem. Aber die Treppe war nicht das eigentliche Problem.

Sie sah aus, als hätte das Leben ihr schon lange keine Pause mehr gegönnt. Fahle Gesichtsfarbe, eingefallene Wangen, zusammengesunkene Haltung. Selbst ihre Kleidung wirkte auf mich beinahe wie ein Schutzschild.

Wir setzten uns in mein ganz normales Wohnzimmer – zu ihrer Überraschung übrigens ohne mystischen Nebel, Kristallkugel und Räucherstäbchen – und begannen mit der Beratung.

Irgendwann sagte sie etwas ganz vorsichtig:

„Ich würde meine Küche gerne gelb streichen.“

Dann streich sie gelb.

„Aber das macht man doch nicht.“

Ich fragte sie:

„Wer sagt eigentlich, dass du das nicht darfst?“

Wenn du eine sonnengelbe Küche möchtest, dann streich deine Küche sonnengelb. Wenn du deinen Flur grün mit lila Punkten haben möchtest, dann mach ihn grün mit lila Punkten.

Du wohnst dort.

Du musst dich wohlfühlen.

Nicht die anderen.

Und dann kam der größere Traum

Im Laufe unseres Gesprächs erzählte sie mir, dass sie eigentlich gerne Heilpraktikerin werden würde.

Aber auch diesmal stand sofort eine unsichtbare Wand vor ihr.

In ihrem Alter noch einmal anfangen?

Was würden ihre Freunde sagen?

Kann man so etwas überhaupt noch machen?

Also kam dieselbe Frage noch einmal:

Wer sagt eigentlich, dass du das nicht darfst?

Sie musste doch nicht am nächsten Morgen ihr gesamtes Leben umwerfen. Sie konnte erst einmal nach einer Schule suchen. Sich informieren. Fragen, wann ein Kurs beginnt, was er kostet und welche Möglichkeiten es gibt.

Ein kleiner Schritt.

Mehr nicht.

Denn manchmal ist ein Traum nur deshalb unerreichbar, weil wir uns nie getraut haben nachzusehen, wie der erste Schritt eigentlich aussehen würde.

Ein paar Wochen später

Schon am Telefon hörte sie sich anders an.

Und als sie wieder meine Treppen hochkam, sah ich es ebenfalls.

Etwas hatte sich verändert.

Und ihre Küche?

Sonnengelb.

Natürlich hatte es Kommentare gegeben. Nicht jedem in ihrem Umfeld gefiel ihre Entscheidung.

Nur diesmal hatte sie nicht klein beigegeben.

Es war ihre Küche, ihr Geschmack und damit war die Sache für sie erledigt.

Auch nach Heilpraktiker Schulen hatte sie inzwischen gesucht.

Aus „Das kann ich doch nicht“ war plötzlich geworden:

„Vielleicht kann ich es doch.“

Beim nächsten Besuch hätte man beinahe glauben können, jemand anderes käme meine Treppen hoch.

Frische Gesichtsfarbe, aufrechte Haltung, ein großes Lächeln. Sie lachte wieder. Selbst ihre Kleidung wirkte leichter und freier.

Und sie hatte tatsächlich angefangen.

Die ersten Unterrichtsstunden an der Heilpraktikerschule lagen bereits hinter ihr.

Sie war wieder mitten im Leben.

Manche Grenzen gehören gar nicht uns

Auch ihr Freundeskreis hatte sich verändert.

Einige Menschen, die ihre Wünsche immer wieder belächelt, ihre Pläne schlechtgeredet oder sie klein gehalten hatten, gehörten irgendwann nicht mehr zu ihrem Leben.

Denn auch das hatte sie gelernt:

Nicht jeder Mensch, der mir sagt, wo meine Grenzen liegen, kennt tatsächlich meine Grenzen.

Manchmal kennt er nur seine eigenen.

Es ist vollkommen in Ordnung, wenn jemand mit seinem Leben zufrieden ist und gar nicht weiter zum Horizont laufen möchte.

Aber daraus folgt nicht, dass ich ebenfalls stehen bleiben muss.

Es muss nicht gleich die große Revolution sein

Vielleicht ist es eine gelbe Küche.

Vielleicht ein Beruf, den du schon lange lernen möchtest.

Vielleicht ein Hobby.

Ein Umzug.

Eine Reise.

Oder einfach ein Wunsch, den du immer wieder mit den Worten beiseiteschiebst:

„Das macht man doch nicht.“

Dann lohnt sich manchmal eine ganz einfache Frage:

Wer sagt das eigentlich?

Natürlich können wir nicht jede Grenze einfach ignorieren. Es gibt Verpflichtungen, finanzielle Möglichkeiten, andere Menschen und ganz reale Hindernisse.

Aber zwischen einer echten Grenze und einem alten Satz im Kopf liegt ein gewaltiger Unterschied.

Und manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem riesigen Sprung.

Manchmal beginnt sie damit, sich zu informieren.

Etwas auszuprobieren.

Einen ersten Schritt zu machen.

Oder eben mit einem Eimer sonnengelber Farbe.

Diese Frau ist ihren Weg damals selbst gegangen.

Ich habe ihn ihr nicht abgenommen.

Vielleicht brauchte sie in diesem Moment einfach jemanden, der ihr sagte:

Du darfst wenigstens nachsehen, was möglich ist.

Und manchmal ist genau das der Anfang.

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